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Lübeck, den

SPD Lübeck ehrt Dr. Julius Leber

Rede zum Gedenken an Julius Leber - Jan Schenkenberger

"Sehr geehrte Damen und Herren, 

zunächst einmal möchte ich den Mitarbeitern der Stadtverwaltung danken, die diese Veranstaltung heute und hier möglich gemacht haben, obwohl der Ehrenfriedhof offiziell noch immer wegen Sturmschäden geschlossen ist.

Jedes Jahr versammeln wir uns hier, um an seinem Todestag an Julius Leber zu erinnern. Julius Leber ist unter den vielen Lübecker Opfern des NS-Regimes fraglos der bedeutendste Lübecker Widerstandskämpfer, derjenige, der am weitesten über Lübeck hinaus gewirkt hat und derjenige, der nach 1945 eine Rolle hätte spielen können wie sonst wohl nur noch Willy Brandt.

Als Mitglied des Reichsbanners komme ich jedoch nicht umhin, Julius Leber auch als einen von vielen zu sehen. Er ist einer von acht Mitgliedern der Bürgerschaft, die von den Nazis ermordet wurden, darunter Moritz Neumark, Johannes Stelling und Fritz Solmitz. Erinnern heißt für mich auch, daran zu denken, daß viele Kameraden des Reichsbanners und der Eisernen Front in Lübeck, deren Führer Julius Leber war, im Dritten Reich drangsaliert wurden und nach 1945 in teilweise demütigender Weise um kümmerliche Entschädigungen zu kämpfen hatten; der Mörder von Fritz Solmitz hingegen wurde noch 1962 in einem aufsehenerregenden Prozeß freigesprochen; andere Mittäter, wie der gnadenlose NS-Marinerichter Gerhard Gaul, konnten nach dem Krieg Karriere in der Landespolitik machen. Gaul wurde noch 1982, nachdem er lange Lübecker Senator und Stadtpräsident gewesen war, von seiner Vaterstadt mit der Medaille Bene Merenti ausgezeichnet. Noch heute wird an ihn in ehrender Weise in der Schiffergesellschaft erinnert.

Was wohl Julius Leber dazu gesagt hätte? Julius Leber ist den Weg des Widerstandes von Beginn an und mit vollster Überzeugung gegangen. Vor ziemlich genau 86 Jahren schrieb er im Januar 1932 mit Blick auf Hitler und die NSDAP: „Mit Politikern debattiert man. Gegen Bandenhäuptlinge und Mordanstifter setzt man die Machtmittel des Staates ein. Und eine Staatsgewalt, die mit politischen Verbrechern darüber debattiert, ob sie recht oder unrecht haben, darf nicht erwarten, daß sie sehr viel Respekt genießt“ und warf wenige Tage darauf dem damaligen Reichskanzler Brüning vor, er habe „sich einer unverzeihlichen Schwäche schuldig“ gemacht. Die Regierung Brüning habe „dem Teufel den kleinen Finger gereicht. Den Arm hat er schon.“ Sein wohl bekanntester Satz ist sein Bekenntnis von 1933: „Wenn es gilt, um die Freiheit zu kämpfen, fragt man nicht, was morgen kommt“ – und in diesem Kampf war für ihn „der Einsatz des eigenen Lebens der angemessene Preis.“

Ginge es hier nur um Pathos, wäre meine Rede jetzt zu einer perfekten Klimax und damit fast zum Ende gelangt. Denn wie soll dieser ungewöhnliche Mut und Heroismus Lebers im Angesicht der Barbarei noch gesteigert werden? Taugt er überhaupt als Vorbild für uns, als jemand, dessen Beispiel wir nacheifern könnten? Ein „Ja“ ist hier leicht dahingesagt, aber wir alle sind glücklicherweise nicht in seiner Situation.

Im vergangenen Jahr war ich gelegentlich in Berlin, in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand im Bendlerblock, wo das Reichsbanner heute seine Geschäftsstelle hat. Aber um ehrlich zu sein: ich gehe meist wegen der Ausstellungen dorthin. Hier wird, beginnend mit der Weimarer Republik, der Widerstand gegen den Nationalsozialismus in seiner ganzen Breite vorgestellt. Also weit mehr als „nur“ der Kreisauer Kreis und die Verschwörung vom 20. Juli, an der auch Julius Leber an zentraler Stelle beteiligt war. Bei meinen Besuchen fiel mir auf, daß Leber dort mit einem ganz anderen Satz vorgestellt wird, einem, den er gleichfalls 1933 niederschrieb: „Überhaupt ist es nicht die Gegenwart, die mich am meisten beschäftigt, viel mehr ist es die Zukunft. Das, was heute ist, ist ein Übergang. Darüber gibt es für mich nicht den geringsten Zweifel. Aber was darauf kommt, das ist in ein ganz großes Dunkel gehüllt.“

Meinte Leber damit die unmittelbare Zukunft? Den Kampf gegen die fortschreitende Gleichschaltung und die Machtübernahme der Nazis? Nein. Dieses Thema war zu dem Zeitpunkt, kurz vor der Selbstauflösung des Zentrums, der letzten verbliebenen demokratischen Partei, durch. Leber, der zu diesem Zeitpunkt im Lübecker Marstall am Burgtor in Untersuchungshaft saß, hätte auf absehbare Zeit an diesem Kampf ohnehin nicht mehr teilnehmen können – er war „ausgeschaltet“, wie es im Nazijargon hieß. Nein, Leber dachte weiter. Es ging ihm konkret um die Zukunft seiner Kinder. Der Übergang, das war gerade die Machtergreifung und die Naziherrschaft. Aber was dann? Wie sollte unter den Nazis und vor allem: nach den Nazis wieder ein freier und demokratischer Staat entstehen? Ein Staat, der auch der Bedrohung durch Nazis und Kommunisten etwas entgegenzusetzen hatte? „Man darf sich durch die Geschichte nicht jeden Glauben an eine Menschheitszukunft rauben und verleiden lassen. Im Gegenteil, man muß sich zu solchem Glauben überreden, man muß sich selbst zu überzeugen suchen“ – das war Lebers Antwort auf den Aufstieg des Nationalsozialismus. Es sind diese Gedanken, die für Lebers Weg in den folgenden Jahren bestimmend waren und die ihn zur Bewegung des 20. Juli geführt haben.

Vielleicht ehren wir Julius Leber am besten, wenn wir heute nicht einfach nur zurückdenken und uns erinnern an das, was war. Vielleicht verlangt der Kampf um die Freiheit von uns gerade den Gedanken an das, was morgen kommt. Denn daß wir diesen Kampf wieder führen müssen, scheint mir unabweisbar zu sein angesichts einer AfD, deren Mitglieder im Kronjuristen des 3. Reiches Carl Schmitt eine juristische Autorität sehen, die zunehmend rassistisch und volksverhetzend auftreten und nicht trotz, sondern wegen ihrer Parolen mit annähernd hundert Abgeordneten im Bundestag sitzen. Klar: die AfD wird im Bundestag „rauschen und schäumen, aber sie wird keine Mühle treiben. Sie wird toben und rasen, aber keinem einzigen Deutschen etwas nützen.“ (Auch das ist übrigens ein Satz Julius Lebers.)

Was sie aber fraglos erreichen wird – ja, was ihre eigentliche Masche ist, ist die Saat der Zerstörung. Der Zerstörung von Vertrauen in den Staat und in seine Institutionen. Von Vertrauen in die Politik. Das Schlagwort der Rechten ist seit Schmitt und Jünger die Rede vom Bürgerkrieg. Uns, den Demokraten, muß es darum gehen, der AfD diesen Erfolg zu verwehren und verlorengegangenes Vertrauen wiederherzustellen. Ich will offen sein: gerade vor diesem Hintergrund entsetzt mich der Tonfall etlicher politischer Kampagnen, die in Lübeck in den letzten Jahren geführt wurden. Harte Auseinandersetzungen in der Sache gehören in einer Demokratie dazu, keine Frage. Unter Demokraten gehört sich aber auch ein ganz grundlegender Respekt. Wer sich in und für diese Stadt, für dieses Gemeinwesen engagiert, muß nicht immer meiner Meinung sein. Er ist es in einem ganz entscheidenden Punkte aber doch: darin, daß er für diese Stadt und für die Menschen, die in ihr leben, seine Zeit und seine Arbeitskraft zu opfern bereit ist, darin, daß er für Lübeck etwas erreichen möchte. Das verdient Achtung, keine Verächtlichmachung.

Wer hingegen pauschal auf „die Politik“ oder „die Parteien“ oder „den Filz“ in Lübeck schimpft, wer massiv persönlich wird, üble Nachrede ohne Belege betreibt und trotz allem meint, sich selbst davon ausnehmen zu können, nutzt niemandem, noch nicht einmal sich selbst. Er schadet aber der Demokratie und dem Miteinander in der Stadt.

Nach der Bürgermeisterwahl wurde viel von einem „neuen Miteinander“ gesprochen, schon im Wahlkampf hieß es, es müßten endlich Gräben zugeschüttet werden. Das aber ist nicht die Aufgabe von irgendwelchen Stellvertretern oder Repräsentanten, sondern von jedem einzelnen von uns. Als Demokraten müssen wir uns bewußt werden: Unser Land, unsere Demokratie „beruht auf der Achtung unserer selbst und gleichzeitig auf der Achtung anderer“ – Worte Julius Lebers aus der Lübecker Bürgerschaft, 1924. Wir sitzen alle in einem Boot; diese Stadt zu gestalten und die Demokratie und Freiheit zu bewahren, ist unsere gemeinsame Aufgabe.

Julius Leber hat sie klar formuliert: „wir kennen unsere Gegner und ihre verderbliche Tätigkeit aus der Gegenwart und aus der Geschichte. Wir setzen uns ein für die Republik und ihre Farben. Wir setzen uns deshalb ein mit all unserer Kraft unseres Wollens für die republikanische Verfassung. Die Gegner mögen diese Verfassung anerkennen, mögen sich danach richten, dann ist die innere deutsche Einheit da. Alles andere sind Worte […]. Alles andere ist Schall, Rauch und Heuchelei.“

Liebe Freundinnen und Freunde, wir sind hier um einen Blick zurückzuwerfen, einen Blick zu einem, dessen Vermächtnis für uns noch heute gilt. Es gilt auch für die Zukunft. Wenn wir in ein paar Minuten aufbrechen, dann wollen wir dieses Vermächtnis mitnehmen und in unserem Reden und Tun beherzigen. Für Julius Leber, für unsere Stadt. Und für unser Land."

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