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Gedenken an Julius Leber

Rede von Jan Schenkenberger, Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold:

Warum stehen wir hier? Nun, um an Julius Leber zu erinnern, der heute vor 75 Jahren von Nationalsozialisten ermordet wurde. Das ist so einfach wie selbstverständlich, da er eine der entscheidensten Gestalten des deutschen Widerstandes gegen Hitler war. „Die stärkste Potenz“, „einen bedeutenden, starken Menschen“ nannte ihn Freya von Moltke noch vor 15 Jahren. Und er ist sicher der wichtigste Lübecker Widerstandskämpfer, eine Ehrenrettung, ein Stolz der Stadt. Heute.

Als Lebers Witwe Annedore 1952 ein erstes Buch herausbrachte um an ihren Mann zu erinnern – sie selbst, ihre eigene, kaum zu überschätzende Rolle beim Widerstand ihres Mannes tritt darin völlig zurück, wie überhaupt den Frauen des Widerstands lange überhaupt keine Beachtung geschenkt wurde – als Annedore Leber also das Buch Julius Leber. Ein Mann geht seinen Weg herausbrachte, schrieb sie dort den Satz: „Es muß sehr zu denken geben, daß der neue deutsche Staat ein echtes Verhältnis zum Widerstand nicht hat finden können.“ Marion Yorck berichtete, daß sie erstmalig Mitte der 80er Jahre gebeten wurde, Jugendlichen ihre Geschichte zu erzählen. Und Rosemarie Reichwein, die Witwe des Sozialdemokraten Adolf Reichwein, der gemeinsam mit Leber bei einem Treffen mit einer kommunistischen Widerstandsgruppe verraten worden war, sagte noch 1992: „Ich schneide das Thema noch immer nicht an […]. Ich weiß, daß der ganze 20. Juli ein heikles Thema ist und daß darüber sehr unterschiedliche Meinungen bestehen. Ich will menschliche Kontakte nicht dadurch zerstören, daß Meinungsverschiedenheiten über Dinge auftreten, die lange zurückliegen. Das ist eine böse Zeit gewesen. Ich bin mehr dafür, vorauszuschauen, für die Enkel zu denken, als immer wieder das Alte aufzuwühlen. Das hat keinen Sinn, das ist vorbei.“

Damit dürfte sie ziemlich genau das getroffen haben, was noch heute ein Großteil der Bevölkerung denkt, und das, obwohl der Widerstand gegen den Nationalsozialismus heute viel weniger umstritten ist als noch vor 30 Jahren.

Zugleich sind heute andere Fragen um so viel drängender. Wir diskutieren tagelang mit heißer Leidenschaft über Tempolimits, Kinderlieder, über das generische Maskulinum bzw. dessen allmähliche Abschaffung, lauter Aufreger, die zwar bleiben, aber nach wenigen Tagen vergessen sind, weil sie sich beständig untereinander ablösen. Das kühle Augenmaß bleibt dabei allerdings manches Mal auf der Strecke.
Warum also stehen wir heute hier?

Gustav Dahrendorf schrieb über Julius Leber: „Max Weber hat es einmal als das Problem des wirklichen Politikers bezeichnet, wie heiße Leidenschaft und kühles Augenmaß miteinander in derselben Seele zusammengezwungen werden können. In Julius Leber war dieses Problem gelöst.“

Und Julius Leber selbst schrieb kurz vor seinem Tod: „In einem Buch las ich diesen Spruch von dem alten Mystiker Angelus Silesius: ‚Man red‘ soviel von Zeit und Ort, von Nun und Ewigkeit! Was ist denn Zeit und Ort und Nun und Ewigkeit?‘ Ich habe mir viele Gedanken gemacht in den letzten Wochen, und ich bin doch zu der Überzeugung gelangt, daß die Liebe, deren die menschliche Seele fähig ist […] stärker ist als alles andere im Menschen und in der Welt.“ Wichtig waren Leber der Wille zur positiven Gestaltung und der persönliche Einsatz. Wie Thomas und Heinrich Mann stand Leber ganz und gar dafür ein, Republik und Demokratie selbstbewußt zu bejahen – aus Gründen der Humanität. Heinrich Mann schrieb voller Pathos 1932 in der Zeitschrift des Reichsbanners: „Rettet Deutschland und seid Menschen!“. Und Julius Leber schrieb seinen Freunden kurz vor seinem Tod: „Für eine so gute und gerechte Sache ist der Einsatz des eigenen Lebens der angemessene Preis.“

Julius Leber hat diesen Preis bezahlt – und damit wurde eine tiefe Lücke gerissen. Ich möchte heute nicht nur von Deutschland oder von der SPD oder von Lübeck reden. Stattdessen möchte ich seine Tochter zu Wort kommen lassen. Katharina Christiansen-Leber schrieb 1994: „Als Vater zum Tode verurteilt worden war, wollte Mutter uns mit einem Satz trösten, den er ihr bei einem ihrer letzten Besuche mit auf den Weg gegeben hatte: ‚Jetzt kann ich für meine Kinder nichts mehr tun, als für sie zu sterben.‘ Ich war damals sehr jung, sehr unglücklich; aber es war ein erhebendes Gefühl, einen Vater zu haben, der den Tyrannenmord angezettelt hatte. […] Mit den Jahren wurde ich der ganzen Sache gegenüber immer kritischer. Ich fand heraus, daß Vater am allerwenigsten für meinen Bruder und mich, sondern für die anderen Deutschen, die den Krieg überlebt hatten, gestorben war. Auch für Nazis und Mitläufer. […] Mein Bruder hat das schlecht verkraftet; er nahm sich später das Leben. Ich selbst hatte meine Last mit den Ansprüchen, die von allen Seiten an mich gestellt wurden. Nichts, was immer ich anfing, war eines Heldenvaters würdig, den ich nicht mal mehr zur Verantwortung ziehen konnte. Hat er doch die Ehre der Nation dem Glück seiner Familie vorgezogen. Eine Nation, die sich zwar heute mit ihm schmückt, aber seine Ziele – Toleranz, Mut, Gleichheit, Brüderlichkeit – nur notgedrungen ernst nimmt. So gesehen, geliebter Vater, bist du umsonst so schrecklich gestorben.“

Wenn wir heute nicht umsonst hier stehen wollen, dann steckt hier ein klarer Auftrag: Nehmen wir Lebers Ideale ernst! Und bleiben wir dabei kraftvoll – und gelassen zugleich. Vielleicht erkennen wir dann, welche Diskussionen wir führen müssen und wo die Skandale unserer Zeit liegen. Wollen wir eine offene Gesellschaft? Und gehört dazu nicht, alles zu tun, daß alle von ihr angesprochen und gleich behandelt werden? Gehört es nicht dazu, ausgrenzende Barrieren abzugrenzen, seien sie ökonomisch, sozial – oder auch nur sprachlich? Ist es nicht eine Schande, welchen Preis unser vereintes Europa für diese offene Gesellschaft verlangt? Ist es nicht eine Schande, dass alljährlich hunderte, wenn nicht tausende an seinen Grenzen zugrunde gehen, weil unsere Offenheit nicht über diese Grenzen hinausreicht? Ist es nicht eine Schande, daß Menschen, die hier das nötigste tun – Ertrinkende zu retten – kriminalisiert werden? Und daß die Geretteten bei Kälte, Nässe, Eis ohne Schutz in Lagern ausharren müssen, ohne eine halbwegs geordnete Perspektive? Und all das nur, weil wir „keine Fluchtanreize“ bieten wollen? Und noch einmal ganz allgemein gefragt: Geht es uns um eine lebenswerte Umwelt? Was sind wir bereit, dafür zu tun – und zu opfern? Oder ist es wichtiger, unsere Privilegien oder auch nur eine Art von Deutschtum zu verteidigen, von dem seine größten Befürworter nicht den Hauch einer Ahnung haben – und das zur Not auch gegen unsere eigenen Kinder?
Vielleicht hilft es, wenn wir uns hier hin und wieder die Ziele Julius Lebers – Toleranz, Mut, Gleichheit, Brüderlichkeit – nicht nur notgedrungen, sondern ganz ernsthaft vor Augen halten.

Freya von Moltke sagte 2004 (mit über 90 Jahren), als sie vor Studenten in Amerika auf den Widerstand gegen Hitler zurückblickte: „Nun, ihr glaubt, all dies ist vergangen – und das ist es. Aber ihr seid demselben Druck, denselben Anforderungen ausgesetzt wie damals, denn wir haben im Deutschland dieser Zeit festgestellt, wie schnell es gehen kann, dass man Rechte und Privilegien verlieren kann, und wie schnell die Ergebnisse eines langen zivilisierten Zusammenlebens verspielt werden können. [….] Was die Deutschen verloren haben, das war das Gefühl dafür, dass sie für ihre eigene Gesellschaft verantwortlich sind. Ihr besitzt dieses Gefühl und ihr müsst es euch bewahren. […] Ihr laßt Euch nicht meine Geschichte erzählen, weil es eine interessante Geschichte ist, sondern weil es Eure Geschichte ist.“

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